Schlagwort: Endlager

  • Wie ist das mit den Mini-AKWs?

    Unser Diskussionsabend am 6. Juli im Gasthaus zur Post zu Mini-AKWs (SMR, Small Modular Reactors) war ein Volltreffer – wir hatten eine Super-Diskussionsrunde; alle Themen wurden abgedeckt, von der Technik über die Wirtschaftlichkeit, die Risiken, internationale Abhängigkeiten und Endlagerung bis zur Integration in Stromnetze; danke hier auch an die anwesenden Grünen aus Baiersdorf. Leider waren keine CSU-Anhänger da. Wir haben nämlich in der Diskussion kein Argument gefunden, das wirklich für SMR als Elemente der Stromversorgung spricht. Auch bei der Recherche im Internet findet sich kein Pro-Argument, das sich nicht relativ leicht entkräften lässt. Fazit: Die ganze Diskussion ist irrational, in Deutschland noch mehr als in Ländern, bei denen noch AKWs in Betrieb sind. Aber Fakt ist natürlich, dass SMR auf der Welt nach wie vor ein Thema sind.

    Was ist ein SMR?

    Allgemein versteht man darunter Atomkraftwerke, die man in Serie herstellen könnte, mit einer maximalen elektrischen Leistung von 300 MW. Das ist etwa ein Viertel von Biblis oder Gundremmingen, aber nicht viel weniger als die ehemaligen Reaktoren in Greifswald, und in der gleichen Größenordnung wie viele Kohle- oder Gaskraftwerke. Also nicht wirklich mini. Auch als nukleare Schiffsantriebe könnten SMR dienen.

    Technischer Stand

    Es gibt über 100 (kein Scherz!) technische Konzepte für SMR. In Betrieb sind etwa ein halbes Dutzend Reaktoren, aber alles ist noch Demo oder Test. Circa ein Dutzend sind im Planungsstadium, von ebenso vielen Unternehmen. Ein Projekt in den USA wurde wegen explodierender Kosten 2023 gestoppt, nachdem die Baukosten von 5,3 auf 9,3 Mrd. gestiegen waren. amazon plant 12 SMR in Washington State, mit zusammen 960 MW, Baubeginn soll Ende der 20er sein, der Betrieb in den 30ern starten. Ob das so passieren wird, ist offen.

    Wirtschaftlichkeit

    Ist nicht nachweisbar; ein Skaleneffekt, der SMR günstiger macht als klassische AKWs, wäre laut Berechnungen des Öko-Instituts erst ab mehreren tausend baugleichen Anlagen zu erzielen. Die Kosten für Endlagerung sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Nach bisherigen Schätzungen würde SMR-Strom deutlich teurer sein als anders erzeugter Strom, insbesondere der aus erneuerbaren Energien.

    Grundlastfähigkeit

    In Deutschland sind ca. 240 GW elektrische Leistung installiert, etwa 80 GW beträgt derzeit die maximal benötigte Leistung. Diese Maximalleistung wird sich erhöhen, durch e-Autos, KI, Wärmepumpen usw. Doch um die Grundlast deutlich zu erhöhen, bräuchte man viele SMR – für zum Beispiel 10 GW bei einer Kraftwerksleistung von 200 MW locker mal 50 Stück. Wo stellen wir die hin, wie kühlen wir sie?

    Probleme und Risiken

    Atommüll: Nach einer Studie aus Stanford erzeugen SMR 2- bis 30 mal so viel Atommüll wie herkömmliche Reaktoren; die große Bandbreite ergibt sich aus den völlig unterschiedlichen technischen Konzepten und deren bisheriger Unausgegorenheit. Der Atommüll strahlt deutlich stärker als bei herkömmlichen AKWs, Atommülltransporte, Zwischen- und Endlager sind nach wie vor notwendig.

    Endlagerung: Ist nirgendwo auf der Welt zufriedenstellend gelöst. Das oft gelobte Endlager in Finnland hat bisher nur Kapazität für den mittel und schwach radioaktiven Abfall eines AKWs (9.500 m³), ist aber auf 60.000 m³ erweiterbar. In Frankreich ist ein Gebiet 150 km östlich von Paris, nördlich von Dijon im Gespräch; allein für einen Teil der derzeitig in La Hague zwischengelagerten Bestände rechnet man mit Kosten von 41 Mrd. € für die Endlagerung. In Deutschland wird das Endlager wahrscheinlich nicht vor 2100 fertig, gebraucht wird Platz für 600.000 m³.

    Umweltbelastung: Der Uranabbau beeinträchtigt Gewässer und Lebewesen; wer in Uranminen arbeitet oder in der Nähe wohnt, erkrankt häufiger an Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

    Abhängigkeit: Wer nicht selbst genügend Uran fördert und Brennmaterial produziert, ist abhängig von anderen Staaten (Kasachstan, Kanada, Australien, Namibia, Nigeria, Russland, Usbekistan, China, Brasilien, Südafrika, Ukraine, Mongolei, Tansania …).

    Direkte Gefahren: Gefahr droht durch Cyber-Angriffe, Terrorakte, technisches Versagen und Kriegsschäden. Auch wenn SMRs durch die geringere Menge an radioaktivem Material individuell sicherer sein könnten als klassische AKWs, erhöht sich das Gesamtrisiko durch die höhere Zahl von Kraftwerken.

    Stromausfälle: Sind zu erwarten durch Kühlprobleme (Wasserstände in Flüssen!), Korrosionsschäden oder Wartungsarbeiten.

    Flexibilität: SMRs lassen sich wahrscheinlich schneller hoch- und runterfahren als klassische AKWs, aber keinesfalls so schnell wie andere Kraftwerke, geschweige denn Batteriespeicher, die in Sekundenbruchteilen reagieren können. Sie sind also nicht geeignet, um schnell Spannungsschwankungen auszugleichen.

    Permanente Kosten: Wie bei Kohle und Gas müssen die Brennstoffe eingekauft werden. Windkraft- und PV-Anlagen und Wasserkraftwerke erhalten ihren Brennstoff kostenfrei und sind dadurch auf Dauer automatisch günstig.

    Was bedeutet das für Deutschland?

    Wir sollten froh – und stolz – sein, dass wir den Ausstieg aus der Kernenergie so früh geschafft haben. Das bedeutet geringe Abhängigkeit von Großkonzernen (wie z.B. in Frankreich mit Zehntausenden Arbeitsplätzen in der Nuklearindustrie).

    Der europäische Strommarkt ist ein sehr gut funktionierendes System. Bei uns fällt der Strom im Schnitt etwa 12 Minuten im Jahr aus, im EU-Schnitt etwa 70 Minuten. Strom importieren wir, wenn er woanders gerade billiger ist; zum Beispiel aus Norwegen (Wasserkraftwerke!).

    Moderne Resilienzforschung zeigt, dass robuste Systeme dezentral, redundant und adaptiv sein müssen. Diversifizierung aus europäischen Regionen ist weitaus robuster als Abhängigkeit von Großkraftwerken. Wir sind also „relativ gut aufgestellt“, müssen aber weiter unser Stromnetz ausbauen, Wind- und PV- und umweltfreundliche Biogasanlagen sowie ganz viele Batteriespeicher installieren. Und wir brauchen ganz dringend Smart Meters!

    Warum also die CSU und manche CDU-Politiker, und da befinden sie sich inhaltlich nahe an der AfD, von SMRs sprechen, bleibt schleierhaft. Vielleicht beeinflusst durch die industrielle Lobby, spielt sie mit den Ängsten der Menschen vor Stromknappheit und -ausfällen. Das ist zutiefst unseriös.

    Gerhard Seitfudem

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