Manche von euch sind reich. Ihr wisst es nur nicht

Der 7. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ist beschlossen. Ein Ausgangswert für Beurteilungen dazu ist das Nettoäquivalenzeinkommen (nennen wir es NÄE). Wer maximal 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat, gilt als arm. Ab 200 Prozent gilt man als einkommensreich (nach einer anderen Definition ab 300 Prozent), ersteres sind etwa 8 Prozent der Deutschen. 2020 lag das Medianeinkommen bei 26.855 Euro, das sind 2.238 Euro/Monat.

Das NÄE berechnet sich aus dem Nettoeinkommen des Haushalts (also Einkommen, Miet- und sonstige Einnahmen), geteilt durch die Summe aus 1 (für den/die Hauptverdiener*in) plus n mal 0,5 (für jedes weitere Haushaltmitglied über 14 Jahren) plus m mal 0,3 (für jedes Kind unter 14). Das ergibt zum Beispiel für eine fünfköpfige Familie (Ehepaar, 1 Kind > 14 Jahre, 2 Kinder < 14 Jahre) mit einem Nettoeinkommen von 5000 Euro ein NÄE von etwa 1.920 Euro.

Als „vermögend“, also reich, gilt hier, wessen individuelles Nettovermögen 500.000 Euro (in Preisen von 2017) überschreitet, wer also zum Beispiel ein gepflegtes Haus in Bubenreuth besitzt. 2017 waren danach etwa 4,6 Prozent der Gesamtbevölkerung „reich“; die entsprechenden Zahlen werden nur alle fünf Jahre erhoben.

Der Armutsexperte Prof. Christoph Butterwegge kritisiert den Bericht aufs Schärfste (EN, 4.12.2025): „Über die Ursachen von Armut und Reichtum findet sich kein einziges Wort.“ „Man begreift ihn nicht als Problemaufriss, sondern präsentiert ihn als Erfolgsbilanz.“ „Sonst müsste die Bundesregierung entsprechende Schlussfolgerungen ziehen.“ Die Armut werde im Bericht verharmlost, der Reichtum verschleiert. „Während man zehn Prozent der Bevölkerung für reich erklärt, tauchen die 256 Milliardäre, die das Manager-Magazin in seinem Reichen-Ranking aufführt, gar nicht auf.“

Selbst wenn man Butterwegge unterstellen würde, dass er als Armutsforscher nicht objektiv sei, eines ist klar: Der Bericht ist typisches Produkt einer Politik, die für sich in Anspruch nimmt, Bürokratie zu bekämpfen, aber mit diesen 657 Seiten ein Musterbeispiel an Bürokratie zur Verfügung stellt. Es wäre ein im Prinzip nützliches Dokument, das aber in dieser Form kaum dazu beiträgt, relevante politische Entscheidungen zu treffen. Das Zahlenwerk ist beeindruckend und gut. Ein Beispiel dafür ist der Klimateil. Da denkt man beim Lesen schon „toll, die Regierung tut was gegen die sozialen Folgen des Klimawandels“. Und dann wird das Thema auf Seite 259 abgefrühstückt mit: „Zur Finanzierung dieser großen, die gesamte Gesellschaft betreffenden Aufgabe hat der Deutsche Bundestag im März 2025 beschlossen, dass 100 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität in den Klima- und Transformationsfonds fließen. Die Bundesregierung wird im KTF die Effizienz der Mittelvergabe steigern und stärker an den Kriterien der CO2-Vermeidung und des sozialen Ausgleichs ausrichten.“ Ob das unter Schwarz-Rot wirksam umgesetzt wird, steht in den Sternen.

Übrigens: Was spräche dagegen, den Bericht zu erweitern oder einen weiteren Bericht zu veröffentlichen? Er könnte „Armutsbericht der Kommunen“ heißen. Über Reichtum gäbe es darin nichts zu berichten.

Gerhard Seitfudem